Die Künste im Komplettpaket: Ulrike Ottinger. Leonie Wild, FAZ, 08.02.07
Mit ihrer gleichzeitig märchenhaften wie ernüchternden Dokumentation "Prater" über den traditionsreichen Wiener Vergnügungspark beschwört sie nostalgische-verklärte Erinnerungen an Zeiten herauf, in denen Kinos noch Lichtspielhaus hießen und Groschen für den Eintritt reichten. Ulrike Ottinger, deren Film im Forum laufen wird, glückt wie häufig in der Vergangenheit das Risiko, als Drehbuchautorin, Regisseurin und Kamerafrau zu agieren, ohne ihre Stärke einzubüßen oder handwerkliche Mängel zu entblößen. Für die aberwitzigsten Gestalten lässt sie Sympathie entstehen, im Fall von "Prater" etwa für die beleibte Frau, die eine kleine Ewigkeit selbstvergessen im Kreis tanzt - allein zu Schlagern auf einem leeren Parkett, unvorteilhaft gekleidet. Doch je länger die Szene dauert, desto niedriger wird der Abgrund, in den der Betrachter anfangs zu sehen glaubte. Das Lachen ebbt erschöpft ab. Bei den internationalen Filmfestspielen Berlin ist Ottinger seit 1982 regelmäßig zu Gast, zuletzt mit "Zwölf Stühle", ihrer filmischen Adaption eines Romans über die Sowjetunion der zwanziger Jahre, aus dem sie eine versponnene Metapher für den Umbruch in den GUS-Staaten machte. Ihren Auftakt bei der Berlinale hatte sie mit "Freak Orlando", der fester Teil ihrer Retrospektive ist, die durch die Welt tourt, ob im Museum of Modern Art, der Tate Modern, auf Festivals in Toronto, Paris, Brüssel oder Hongkong. Für ihren Dokumentarfilm "China. Die Künste - der Alltag" erhielt sie bereits 1986 den Preis der Deutschen Filmkritik. Ihre Liebe zur Mongolei drückte sie spielerisch in "Johanna d'Arc of Mongolia" aus, dem einzigen Film, mit dem sie je, statt im angestammten Forum, im Wettbewerb der Berlinale vertreten war und der ihr 1989 den deutschen Filmpreis einbrachte.
Ulrike Ottinger, Jahrgang 1942, die ihre eigene Produktionsfirma in Berlin-Kreuzberg führt, hat nicht nur das Medium Film im Griff. Sie spiel mit den bildenden Künsten, schöpft aus Malerei und Fotografie, wie es beliebt. Ihr erstes Foto entstand 1951 in einer Amsterdamer Gracht. Es zeigt zwei Inder, der eine im Trenchcoat, der andere mit Turban, die vergessen zu haben scheinen, dass eine Neunjährige den Auslöser bedient. In den sechziger Jahren lebte sie als Malerin und Fotografin in Paris, nahm an der documenta 11 teil, an der Biennale in Venedig oder stellte im Völkerkundemuseum Zürich Fotografien aus der nördlichen Mongolei aus. "Taiga", der Titel dieser Ausstellung, wurde zum Label, unter dem sie auch Film und Buch veröffentlichte - das Komplettpaket einer Leidenschaft. Ihre umfangreichen Bildarchive, die sie seit den siebziger Jahren anlegte, hat sie im gleichnamigen, vor zwei Jahren erschienenen Fotoband gebündelt, verpackt in Rubriken wie "Alltag", "Essen", "Architektur" und "Landschaft", die sträflich schnöde klingen und über ihren scharfen Blick hinwegtäuschen.
Als gelte es, sich die Künste Untertan zu machen, verlegt sie ihre Arbeit mitunter auch auf die Bühne. Für die Oper "Effi Briest" führte sie Regie und gestaltete das Bühnenbild. Johann Nestroys magische Posse "Verlobungsfest im Feenreich" inszenierte sie 1999 in der Tradition des Kabuki-Theaters mit japanischen Akteuren in Graz - eine Provokation zwar, vom Vormärz zur fernöstlichen Kultur des siebzehnten Jahrhunderts, aber eine, die Ulrike Ottingers Profil umso mehr schärfte: als eine, die aus dem Abseitigen schöpft, das scheinbar Unverknüpfbare verknüpft und Fäden spinnt, die in Gefilde jenseits des Absehbaren führen. Sie hat ein Gespür für den richtigen Schritt, um sich vom Feld abzusetzen. Im Jahre 1983 inszenierte sie Elfriede Jelineks Stück "Clara S." am Staatstheater Stuttgart, siebzehn Jahre später "Das Lebewohl" am Berliner Ensemble. Elfriede Jelinek dankt es ihr und lässt in "Prater" Ulrike Ottinger filmen, wie sie ihr Gesicht durch eine Pappe steckt, auf der King Kong seine Beute an sich reißt. Elfriede Jelinek in King Kongs Armen: Allein mit dieser Einstellung liegt die Allround-Künstlerin Ulrike Ottinger wieder vorne.
Leonie Wild, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.02.07

